neue Gesellschaft
für bildende Kunst


Seit 2018 werden jährlich zwei Stipendien an in Istanbul lebende Künstler_innen vergeben. Das bestehende Istanbul-Stipendium der Senatsverwaltung für Kultur und Europa wurde zu einem echten Austausch erweitert, indem jährlich zwei Künstler_innen aus Istanbul von einer Jury ausgewählt und nach Berlin entsandt werden und umgekehrt. Damit sollen die Beziehungen zwischen den Partnerstädten Berlin und Istanbul  und die Verbindung zur türkischen Kunstszene weiter gestärkt werden. Dies folgt der Überzeugung, dass internationaler Austausch und unmittelbare Kommunikation kulturelle Vielfalt als Bereicherung erlebbar werden lassen und zum Perspektivenwechsel einladen.


Alper Aydın
Januar-Juni 2021



Im dritten Jahr des Stipendiums Istanbul-Berlin der Senatsverwaltung für Kultur und Europa wurden zwei Künstler_innen aus Istanbul für einen sechsmonatigen Aufenthalt in Berlin ausgewählt. Nachdem Leman Sevda Darıcıoğlu von Juli - Dezember 2020 in Berlin war, erhält Alper Aydın das Stipendium von Januar bis Juli 2021. Aufgrund der Covid-19-Beschränkungen wird er seine Residency online beginnen und hoffentlich im April nach Berlin reisen, um vor Ort an seinen Projekten zu arbeiten.

Alper Aydın arbeitet auf dem Gebiet der Land Art. Er untersucht die physischen Bedingungen der ihn umgebenden Umwelt und den Einfluss des Menschen auf ökologische Prozesse mittels soziologischer, historischer und archäologischer Infrastrukturen. Der Künstler greift mit Fotografien, Skulpturen, Installationen, Performances und temporären Arrangements aus natürlichen Materialien in die Landschaft ein und hinterlässt temporäre Spuren, indem er Beobachtungen in der Natur anstellt, Proben sammelt und die Umgebung durch das Hinzufügen neuer Formen verwandelt.

Für seinen Berlin-Aufenthalt plant Aydın künstlerische Forschungen zu Steinen historischer Orte in Berlin. Mit diesen Steinen möchte er eine Installation im öffentlichen Raum realisieren, die die Geschichte Berlins aus einem anderen multiperspektivischen Blickwinkel erzählt. Darüber hinaus wird er sein Langzeitprojekt „The Greatest Microbes“ fortführen. Berlin wird nach Ordu, Konya, Paris und Istanbul, die fünfte Stadt sein, die Aydın mit seinen Graffitis infiziert. 

Alper Aydın (*1989 in Ordu, Türkei) absolvierte das Studium der Malerei an der Anatolischen Kunsthochschule in Ordu (Abschluss 2007) und studierte 2007-2011 Erziehungswissenschaften und 2011- 2014 bildende Kunst an der Gazi Universität Ankara und an der Kunstakademie in Macerata, Italien. 2014-2019 nahm er am PhD-Programm im Fach Bildhauerei an der Hacettepe Universität Ankara teil. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen und auf Biennalen gezeigt, darunter die Mardin Biennale (2018), die 15. Istanbul Biennale (2017), das Cappadox Festival in Nevsehir, Kappadokien (2017).
https://alperaydinart.tumblr.com/


Dilek Winchester
15. Juli-15. Dezember 2021


Foto: Murat Tırpan

Dilek Winchester beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit Fehlübersetzungen, Sprache und emotionalen Ausdrücken. Kernthema ist das Gefühl der Zugehörigkeit, das durch Literatur entsteht. In ihren jüngsten textbasierten Installationen untersuchte Winchester die Alphabetreform in der Türkei und den literarischen Kanon mit einem besonderen Schwerpunkt auf den Schriften der Karamanliden, einer turksprachigen christlich orthodoxen Volksgruppe, die ursprünglich in Anatolien ansässig war, sowie armenisch-türkischen Büchern aus dem 19. Jahrhundert. Mit dem symbolischen Wert und der Geschichte von Alphabeten setzt sich die Künstlerin in einer Reihe von Videoarbeiten auseinander.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Klassifizierung und Darstellung von Emotionen in Form von Sprachspielen, die die Verwendung von Metaphern beim Ausdruck von Emotionen erforschen, wie auch das, was durch den Akt der Übersetzung zwischen den Sprachen verloren geht.
In Berlin möchte Dilek Winchester eine Serie von Druckgrafiken über die symbolische Bedeutung von Alphabeten und der Transliteration von Texten aus einem Alphabet in ein anderes entwickeln. Zudem plant sie eine skulptural-akustische Weiterentwicklung der kürzlich in Antwerpen gezeigten textbasierten Intervention »SANAT DITYE BITR ŞEY VAR«. Darin übersetzt sie einen von einer stotternden Person gesagten Satz in die schriftliche Form. Winchester setzt sich hier mit der Instabilität der Stimme in Krisenzeiten auseinander. Die Übersetzung des gestotterten Satzes ins Englische lautet: »THERE'S THIS THING CALLED ART.«

Dilek Winchester (*1974) studierte freie Kunst am Saint Martin's College of Art and Design, London, an der London Metropolitan University und promovierte in Bildhauerei an der Marmara Universität, Istanbul. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, zuletzt in der Einzelausstellung »Attending the Void« im DEPO, Istanbul (2020). https://dilekwinchester.com/

 

İrem Sözen 
15. Januar–15. Juni 2022



İrem Sözen arbeitet mit eigenen und archivalischen fotografischen Bildern. Fotografie ist für sie eine Sprache, die der Literatur nahe kommt - betrachtet man ihr Potenzial, Bedeutung zu vermitteln und ihre Vielfalt. Sözen setzt Fotografien ähnlich wie Wörter und Sätze zu einem Text zusammen. Dabei dienen ihr die Bilder als Fragmente, die sie zu einer einzigen Erzählung verwebt, zu einem Gefühl, das aus Erfahrungen verschiedener Zeiten und Orte entsteht. Seit Langem setzt sie sich auch mit Bildern in Bezug auf die Sinne und Sprache auseinander, wobei die scheinbar stillen Welten der Tiere und Pflanzen für sie sehr anziehend sind, weil sie Bedeutung und Sinn erzeugen können, ohne Worte zu benutzen. Ihre Bildessays veröffentlicht sie in Buchform, meist im Rahmen unabhängiger und kollektiver Publikationsvorhaben.
In Berlin wird Sözen ihr 2016 begonnenes Projekt mit Fotografien aus dem Botanischen Garten und dem Berliner Zoo fortsetzen, in dem sie sich auf die Beziehungen zwischen Menschen und Nicht-Menschen, die Geschichte dieser Beziehungen und die nonverbale Bedeutungsgebung konzentriert. Wie nehmen wir andere Spezies wahr? Wie setzen wir uns zu ihnen und zu ihren subjektiven phänomenalen Welten, die nie ganz verstanden werden können, in Beziehung?

İrem Sözen wurde 1984 in Istanbul geboren. Sie studierte Ingenieurwesen in Istanbul und Mailand. Seit 2005 beschäftigt sie sich mit Fotografie und der Kunst des Buchbindens. Ihre Arbeiten zeigte sie in zahlreichen Ausstellungen und auf Foto-Festivals, darunter ihre Einzelausstellung »turnaround« im Operation Room Gallery, Istanbul (2015) sowie Gruppenausstellungen wie »Personal Mythologies«, Cork Photo Festival, Irland (2015), »Animals’ Side«, Mixer Gallery, Istanbul (2017), »L’oeil et la nuit«, ICI: Institut des cultures d’Islam, Paris (2019), »The Female Side of The Moon«, Galerie Z22, Berlin (2021) und »Sound is the silence of the image«, Fabrikraum, Wien (2021). http://www.iremsozen.com/

 

Das Stipendium der Senatsverwaltung für Kultur und Europa wird im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Kunstverein neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) und dem ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik  in Berlin sowie dem DEPO in Istanbul ermöglicht.