neue Gesellschaft
für bildende Kunst

25Freitag, 25 Februar 2022Freitag, 25. Februar 2022, 14:00 Uhr
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Ausstellung

Ausstellung: Twister

Samstag, 26. Februar 2022 — Samstag, 30. April 2022

Twister

Adresse: nGbK, Oranienstraße 25, 10999 Berlin
Geöffnet:Täglich 12-18 Uhr, Fr 12-20 Uhr
Sprache(n): 
Eintritt: frei
Veranstalter_in: neue Gesellschaft für bildende Kunst
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Twister

Künstler_innen: Mouna Abo Assali, Mehtap Baydu, Christina Dimitriadis, Ece Gökalp, Edona Kryeziu, Silvina Der-Meguerditchian, Eleni Mouzourou, Ceren Oykut, Viron Erol Vert und FUNKE Kollektiv (Selda Asal, Emre Birişmen, Melih Sarıgöl, Seçil Yersel)

Veranstaltungsprogramm:
A.G.A Trio, Marwa Arsanios, Tekla Aslanishvili, Birgit Auf der Lauer & Caspar Pauli, BoB, Eliane Esther Bots, Aylin Kuryel, Pejvak, Nadin Reschke & Seçil Yersel, Adnan Softić, Florian Wüst und Zacharias Zitouni

Das Projekt Twister findet an beiden nGbK Standorten statt und setzt sich zusammen aus einer Ausstellung und Panels in der Oranienstraße, einer Installation und Workshops in der nGbK Hellersdorf sowie einem Katalog. Im Sinne von sowohl politischen Wirbelstürmen als auch von der Absurdität nationalistischer Ansprüche auf Geografie und Natur erprobt Twister, wie diasporische Gemeinschaften aus verschiedenen Ländern interagieren und zusammenarbeiten können.

In erster Linie bezeichnend für zerstörerische Stürme, steht Twister übertragen auf die weltpolitische Gegenwart für eine Reihe jüngst wieder aufkeimender nationalistischer Aggressionen und autoritärer Tendenzen um und hinter den östlichen Randgebieten Europas. Scheinbar langwierige Streitigkeiten über die Kontrolle von Grenzen, Ressourcen und Gebietsansprüchen am Mittelmeer und Schwarzen Meer führen zu einem Wiederaufleben nationalistischer Diskurse und zu neuen Allianzen auf der Suche nach regionaler Vormachtstellung. Einer der Nebeneffekte dieser politischen Regression ist, dass lokale Kritik immer schärfer verfolgt wird, was wiederum zu einer Abwanderung vieler Regimekritiker_innen in Richtung westeuropäischer Metropolen führt eine davon ist Berlin.

Eines der Hauptthemen, das in den ausgewählten Kunstwerken der Ausstellung aufscheint, ist die Willkür, Kurzsichtigkeit und Sinnlosigkeit nationalistischer Ansprüche auf Geografie und Natur. Die griechisch-deutsche Fotografin Christina Dimitriadis (*1967, Thessaloniki/Griechenland) beschäftigt sich mit den historischen und aktuellen Konnotationen in der Ägäis-Region. In ihrer Serie Island Hoping kontrastiert Dimitriadis die touristische Vorstellung der ägäischen Inseln mit dem andauernden Leid von Migrant_innen auf ihrer oft tödlichen Reise aus Krisengebieten in die sichere Zone Europas. Die Fotografien spielen zudem auf die unaufhörlichen Besitzstreitigkeiten zwischen Griechenland und der Türkei an. In ähnlicher Weise von der Irrelevanz politischer Grenzen angesichts einer ganzheitlichen Natur ausgehend, beschäftigt sich Ece Gökalps (*1988, İstanbul/Turkei) fotografischer Essay A Mountain As Many mit dem mythischen Berg Ararat. Mit Fernaufnahmen des Berges aus drei Nachbarländern (Türkei, Armenien und Iran) kartiert Gökalps umfangreiche Arbeit die kulturellen Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten der unterschiedlichen Erzählperspektiven. Die offizielle Ernennung der "Latzia", einer auf Zypern vorkommenden Eichenart, zum Nationalbaum der Insel bildet den Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt Searching for the "National Plant" von Eleni Mouzourou, (*1983, Lefkosia/Zypern) das die Konstruktion des Begriffs "einheimisch" untersucht und problematisiert. Die Künstlerin hinterfragt in ihrem Werk die Art und Weise, in der die Natur durch eine Politik der kulturellen und nationalen Identität vereinnahmt wird.

Twister, im Sinne von politischen Wirbelstürmen und die durch sie hinterlassene Zerstörung, sind ein weiteres wichtiges Thema der Ausstellung. In Silvina Der-Meguerditchians (*1967, Buenos Aires/Argentina) Installation erinnern lange rote Wollfäden, die aus dunklen Felsen hervorquellen und sich über den Boden des Ausstellungsraums ziehen, an das nicht enden wollende Blutvergießen als Ergebnis von Konflikten, die auf ethnischen und religiösen Feindseligkeiten und der Zerstörung des kulturellen Erbes beruhen. Die tragischen Ereignisse in Nagorno-Karabakh im vergangenen Jahr sind nur eines von vielen Beispielen. Das FUNKE Kollektiv (Selda Asal, Emre Birişmen, Melih Sarıgöl und Seçil Yersel) wendet sich der Unkontrollierbarkeit der aktuellen politischen Dynamik zu. Der in einem fiktiven Kontrollraum platzierte ventilator table (‚Ventilatortisch‘) wird auf die aktuellen geopolitischen Konflikte verweisen und eine fragmentarische und fließende Gegenerzählung liefern. Edona Kryezius (*1994, Saarlouis/Deutschland) Videoarbeit Greetings from Elsewhere greift den Ansatz der Diaspora auf, indem sie die physische Entfernung von der Heimat und die zugleich stattfindende mentale und emotionale Bindung an sie thematisiert. Der Film umfasst selbsterstellte Aufnahmen von Videobändern. Diese wurden in Zeiten größter politischer Spannungen und dem Krieg in den 1990ern von eigenen und erweiterten Familienmitgliedern der Künstlerin aus Deutschland und dem Kosovo füreinander erstellt und ausgetauscht. Einige von ihnen sind in europäische Länder ausgewandert, andere hingegen sind im jeweiligen Herkunftsort geblieben. Mehtap Baydus (*1972, Bingöl/Turkei) Skulptur Suitcase Bread spielt auf die wirtschaftlichen Bedingungen an, die Menschen dazu zwingen, ihr Heimatland zu verlassen, während Viron Erol Vert (*1975, Varel-Oldenburg/Deutschland) mit seiner Wandinstallation die Erfahrung der Vertreibung mit Hilfe von faltbaren Reisespiegeln visualisiert.

Der Animationsfilm Map of Neiter von Ceren Oykut (*1978, İstanbul/Turkei), die auf den Besonderheiten ihrer früheren zeichnerischen Praxis beruht, spiegelt die Ambivalenzen im Leben der Künstlerin wider. Aus der kulturellen Schicht Istanbuls in einem fremden Land gelandet, unsicher, ob sie bleiben darf, sich aber gleichzeitig mit keiner der offiziellen Kategorien oder populären Definitionen identifiziert, die den Vertriebenen zugeschrieben werden. Mouna Abo Assalis (*1988, Damaskus/Syrien)Video Mnemonic, reflektiert über die psychologische Spaltung zwischen den verlassenen und den neu angekommenen Geografien, die lang anhaltenden Spuren der vergangenen Traumata und die Auswirkung von Klang auf die Arbeit der Erinnerung.

 

Ein Ausstellungsprojekt an beiden Standorten der nGbK

Die Ausstellung künstlerischer Positionen findet vorrangig in der Oranienstraße und teilweise in einem kleineren Rahmen im zweiten Standort der nGbK, der station urbaner kulturen in Hellersdorf statt, wo auch die Workshops von Birgit Auf der Lauer & Caspar Pauli und Nadine Reschke & Seçil Yersel abgehalten werden. Viele der gezeigten Arbeiten problematisieren die nationalistische Kurzsichtigkeit auf poetische und minimalistische Weise. Allerdings bedürfen die Probleme, die durch die Arbeiten angeschnitten werden, eine inhaltliche Vertiefung, die im Begleitprogramm vermittelt wird. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund: Wie kann das kritische Potenzial, das in die Diaspora migriert oder ins Exil gegangen ist, Einfluss auf die politische Agenda des Herkunftslandes nehmen? Wie können in Zeiten des Konflikts die kritischen Kreise aus den Krisengebieten, die in der Diaspora leben, zusammenkommen? Und an welcher Stelle kann eine gemeinsame künstlerische Plattform die polarisierende Dynamik der Realpolitik herausfordern? So betrachtet will Twister auch als Akt des Eingreifens verstanden werden: Ein Versuch, die Kontroversen unserer Zeit mittels Kunst aufzuzeigen und zu ändern.

 

nGbK-Projektgruppe: Berk Asal, Emre Birismen, Erden Kosova, Melih Sarıgöl, Selda Asal

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